Am 18.07.11 veranstaltete das Sweet Sixteen Kino im Depot eine Filmvorführung mit anschließender Diskussion. Der Film “Im Ghetto. Die Roma von Stolipinowo” von Hermann Peseckas und Andreas Kraus aus dem Jahr 2008 beschäftigt sich mit der Lebenssituation und den alltäglichen Erfahrungen von Roma aus Bulgarien, die in Stolipinowo, dem “größten Roma-Ghetto Südosteuropas”, leben. Der Zusammenhang von rassistischer Ausgrenzung und Armut sowie die fortlaufenden Konflikte zwischen den “Altbewohner_innen” und “Zugewanderten” aus Rumänien und Bulgarien werden thematisiert. Eine Zuschauerin verfasste einen Bericht des Abends und der Diskussion, welcher im Folgenden zu lesen ist:

 

Es war so voll im Kino, dass ich kaum hinein kam. Sitzplätze gab es nicht mehr, viele Leute standen schon in der Nähe der Tür und an der Wand entlang. Ich schlängeklte mich nach vorn. Der Film hatte schon begonnen. So voll habe ich das Kino noch nie gesehen. Später, als es heller im Raum ist, während der Diskussion, schätzte ich die Zahl der Teilnehmenden auf 150-180 Leute. Während des Filmes höre ich Zwischenrufe in einer Sprache, die ich nicht kenne. Leute springen auf und gehen hinaus. Dann noch mehr. Bastian Pütter von Bodo, einer der Veranstalter, geht hinterher. Auch ein Übersetzer. Nach einer Weile kommen erst einige, dann auch andere wieder hinein. So direkt ist die Aufregung, dass es förmlich in der Luft steht. Verletzung, Aggression, Unverstandensein. Nach dem Film erläutert Bastian Pütter, was der Konflikt gewesen sei. Die anwesenden Personen haben Leute auf der Leinwand wieder erkannt und sich offenbar darüber aufgeregt, dass sie als Roma bezeichnet werden, aber Türken sind. Sie selbst, aus Bulgarien stammend und Türkisch sprechend, bezeichnen sich nicht als Roma, sondern als Türken. Es sind einige derjenigen Menschen, über die seit einigen Monaten in Dortmund heftig gestritten wird. Über die gesprochen wird, ohne dass je jemand mit ihnen gesprochen hat. Jetzt ist eine Übersetzerin, Tüllin Kabis-Staubach vom Planerladen, da. Einige können auch Deutsch und sagen, dass sie seit sieben bzw. zehn Jahren hier leben. Nach den ersten Worten der vier Leute auf dem Podium (Bastian Pütter moderiert, der Regisseur des Films, Andreas Kraus ist da, außerdem der Sekretär des Zentralrats der Sinti und Roma in Deutschland, Orhan Jasarovski, Tüllin Kabis-Staubach als Planerladen und Rainer Stücker vom Mieterverein) merken die anwesenden Türken aus Bulgarien an, dass sie nichts verstehen und bitten um Übersetzung. Tüllin Kabis-Staubach übersetzt nun alle Beiträge in beide Richtungen. Es wird nach den ersten Hinweisen über die Situation der Roma in Bulgarien immer mehr über die Situation der Menschen in der Dortmunder Nordstadt gesprochen, über Rassismus, Diskriminierung, die so genannten Ekelhäuser, Prostitution und die Probleme für die Menschen aus Bulgarien, hier legale Arbeit zu bekommen.
Mehrfach weisen Leute in ihren Redebeiträgen darauf hin, dass ein Blickwechsel nötig sei: Nicht die zugewanderten Menschen seien das Problem. Die Nordstadt sei schon immer ein Stadtteil der Arbeiter_innen und Zuwanderer gewesen. Die Vermieter, die ihre Häuser seit Jahrzehnten verwahrlosen ließen, und jetzt auf die teilweise illegalen Bewohner_innen schimpften, seien das Problem. Die Zugewanderten sprechen immer wieder die Probleme an, die durch die EU-Erweiterung für sie entstanden seien. In Bulgarien hätten die Fabriken dicht gemacht und sie bekämen keine Arbeit mehr, und hier seien sie auch nicht erwünscht.
Ich finde es teilweise sehr berührend, was sie sagen, sogar, wenn es auf Türkisch ist und ich es nicht verstehe. Wie sie sprechen, aus ihrer Stimme und Tonlage, spricht so viel Schmerz, dass mir manchmal die Tränen kommen. Die Übersetzung bestätigt dann nur noch den Eindruck. Menschen, die ihre Familie in Bulgarien gelassen haben und hier Arbeit suchen, um ihren Angehörigen ein besseres Leben zu ermöglichen. Eine Frau, die mit ihren vier Töchtern nach Deutschland gekommen ist. Zwei ihrer Kinder hat das Jugendamt ihr weggenommen. Ihr Mann ist in Bulgarien im Gefängnis, weil er zehn Kilo Eisen gestohlen hat, um seine Familie zu versorgen. Sie lebt mit ihren zwei Töchtern auf der Straße. Ein Mann, dem die Polizei seine Papiere weggenommen hat, und der morgen ausgewiesen wird, wenn er nicht eine Krankenversicherung nachweisen kann. Überhaupt die Ausweiskontrollen. Die Leute erzählen, dass sie ständig kontrolliert werden, manchmal dieselbe Person mehrmals am Tag. Die Polizei darf verdachtsunabhängige Kontrollen durchführen. Dieses Mittel nutzen sie offenbar als Schikane. Die Leute fühlen sich diskriminiert und verachtet. Eine Deutsche fragt, ob die bulgarischen Türken sich organisiert hätten, ob sie eine Vertretung oder Institutionalisierung hätten. Haben sie nicht. Orhan Jasarovski vom Zentralrat der Sinti und Roma sagt, dass dieser nicht zuständig für sie sei, da sie sich ja selbst nicht als Roma bezeichnen und der Rat gesetzlich nur für die Rechte der Roma und Sinti eintreten dürfe. Womöglich bezeichnen sich die Leute aus Angst vor Diskriminierung nicht als Roma, so erscheint es jedenfalls dem Herrn Jasarovski vom Zentralrat, der selbst weiß, was es heißt, diskriminiert zu werden. Er bedauert (im kurzen Gespräch, das ich auf dem Flur aufschnappe), dass sich die Leute nicht als Roma bezeichnen. Er sei doch ein Beispiel dafür, dass man auch als Rom etwas erreichen könne. Er hat gerade sein Germanistik-Studium an der Uni Düsseldorf abgeschlossen und promoviert jetzt. Mit neun Jahren ist er mit seinen Eltern aus Mazedonien nach Deutschland geflohen, hier einige Jahre zur Schule gegangen und war sehr integriert. Dennoch wurde die Familie nach Jahren abgeschoben, weswegen er in Mazedonien (ich glaube, in Tuzla) Abitur gemacht hat und dann zum Studieren wieder her gekommen ist. Er hat Kinderlähmung und ist daher noch auf andere Art beeinträchtigt.

Insgesamt zeigt die Veranstaltung, dass es viel Bedarf nach Dialog gibt, dass wir eigentlich nichts voneinander wissen und auch, dass es einfach ist, miteinander ins Gespräch zu kommen. Sie hat auch gezeigt, dass die Probleme riesengroß sind und dass es schwer ist, sie lokal zu lösen. Dennoch gibt es hier offenbar viel Interesse und die Bereitschaft etwas zu tun, um die Situation der Menschen aus Bulgarien zu verbessern. Für nach den Sommerferien werden vom Planerladen weitere Veranstaltungen angekündigt.

Bastian Püttner, Redaktionsmitarbeiter des Obdachlosenmagazins BODO, schreibt in der aktuellen Ausgabe der Bochumer Studierendenzeitung (BSZ) über Roma in der Dortmunder Nordstadt und über die antiziganistische Kampagne, die das Herstellen von Überlegenheit, Unterlegenheit und Bedrohung konstruiert und mit der Einrichtung der “Task Force” in Ordnungspraktiken gegen die ausgegrenzte Minderheit mündet.


Roma in der Dortmunder Nordstadt – Chronologie einer Kampagne

Seit 2007 wandern Menschen aus den neuen EU-Ländern Bulgarien und Rumänien deutlich sichtbar in die Dortmunder Nordstadt ein. Schnell war der Arbeiterstrich an der Mallinckrodtstraße eine Institution: Vor aller Augen holten sich Handwerker der Umgebung Arbeitskräfte für 20 oder 30 Euro am Tag. Auf dem als Modellprojekt installierten legalen Dortmunder Straßenstrich arbeiteten bald weitgehend Roma-Frauen. Autos aus dem immer entfernteren Umland standen im Stau vor der Einfahrt zum Straßenstrich, weil sich die fehlende Erfahrung der Roma-Frauen mit Kondomen und Preisen herumgesprochen hatte.

Trotzdem interessierten sich bis 2011 weder Stadt noch Presse besonders für die Herkunft dieser Menschen, für ihre Motive herzukommen und für ihre Ausbeuter. Nachdem eine RN-Delegation mit einer Art Kriegsberichterstattung aus dem bulgarischen Plovdiv zurückgekommen war und die Nordstadt-SPD durchgesetzt hatte, dass ihr Oberbürgermeister nun den „eisernen Besen“ zu schwingen habe, kippte Ende Februar 2011 das jahrelange öffentliche Desinteresse in eine sich verselbständigende Kampagne. Dreieinhalb Monate lang immunisierte sich eine heißlaufende Täterberichterstattung völlig gegen Perspektivwechsel. Von März bis Juni schaffte es so gut wie kein Leserbrief, keine Pressemitteilung, kein Nordstadt-Akteur mit Erfahrungen aus erster Hand in die beiden Dortmunder Tageszeitungen.

Die Kampagne begann mit dem Herstellen von Überlegenheit. Martialische Sicherheitsdienste räumten medienwirksam sogenannte „Ekelhäuser“, die den vermeintlichen kulturellen Tiefstand der Bewohner illustrierten. Die Information, dass diese Häuser eine zum Teil zehnjährige Geschichte haben, wurde verschwiegen. Die leicht widerlegbare Behauptung der Besitzer, durch die „Besetzung“ der Häuser an Renovierungsarbeiten gehindert worden zu sein, wurde nicht recherchiert. Niemand in Dortmund erfuhr von den Matratzenvermietungen und ihren Profiteuren. Abgesehen davon bleiben nicht abtransportierter Müll, defekte sanitäre Anlagen und überbrückte Stromleitungen Kennzeichen prekären Wohnens und sind kein ethnischer Lifestyle.

Im zweiten Schritt wurde aus Fremdheit / Unterlegenheit eine Bedrohung gemacht. Ein vom Landeskriminalamt (LKA) offensichtlich geweckter Polizeipräsident erfuhr, dass in Dortmund gemeldete bulgarische Staatsbürger in NRW Eigentumsdelikte begingen und erkannte eine „lawinenartige Entwicklung“. Im vierten Jahr der Zuwanderung. Die Vorsitzende der Nordstadt-SPD, die den Takt vorgab, hatte beobachtet, dass ein bulgarischer Zuhälter eine Anwohnerin verprügelt habe. Die anekdotische Evidenz reichte der WAZ/WR, um fortan als Ersetzung für männliche Roma „Menschenhändler“ zu verwenden und leitete zur Lösung über, den Strich als Ursache von Zuwanderung und Kriminalität zu schließen und Straßenprostitution in Dortmund zu verbieten.

Zu diesem Zeitpunkt Mitte März hatte die Rhetorik der Nordstadt-SPD rechtsstaatliche Normen schon hinter sich gelassen: „Mit Multikulti-Romantik lässt sich dieser Kampf nicht gewinnen. Wir müssen diese Verbrecher aus Dortmund vertreiben und verhindern, dass weitere zuwandern.“ Das wurde so gedruckt. Mit Überflutungsmetaphern, dem Sprechen über „Horden“ und „Rudel“ und panikartigen Aufmachern („Warme Tage locken Roma nach Dortmund“ WAZ/WR) wurde ein Klima geschaffen, in dem sich antiziganistische Geschichte aktualisierte. Völlig unkommentiert berichteten die Zeitungen, dass eine Hausbesitzerin im Schlachthof abgetrennte Pferdebeine gekauft habe, um damit Roma aus ihrem Haus zu vertreiben. Schlusssatz der zitierten Polizeipresse: „Ob die Füße die erhoffte Wirkung zeigten, ist nicht geklärt.“ Bei den Ruhr Nachrichten verwischte zunehmend der Unterschied zwischen Straftätern und Volksgruppe. Die für jeden sichtbare Erwerbstätigkeit der Roma verschwand 2011 völlig aus der Berichterstattung; zugunsten des Zigeunerklischees von Arbeitsscheu, Diebstahl und Schmutz – sowohl in Bezug auf Hygiene als auch auf Sexualität.

Einzige Lösung schien die Schließung des Straßenstrichs. Als diese schon beschlossen war, berichteten die Zeitungen über eine „Demonstration“ der Nordstadt-SPD. Unter dem Motto „Wir blasen ohne Gummi“ wurden die auf dem Strich arbeitenden Roma-Frauen mit „flotter Blasmusik“ verhöhnt. Jetzt wurde der erste kritische Leserbrief gedruckt. Auch in den Redaktionen schien jemand von historischen Bildern heimgesucht worden zu sein.

Inzwischen patrouilliert eine 200-köpfige „Task Force“ durch die Nordstadt, sanktioniert Prostituierte in den Wohngebieten und macht vermeintlichen Roma mit Personenkontrollen den Aufenthalt im öffentlichen Raum schwer. Sexuelle Ausbeutung, Sklavenarbeit, Mietwucher? Alles noch da. Aber das hat ja noch nie interessiert.

Bastian Pütter ist Redaktionsmitarbeiter des Obdachlosenmagazins bodo und dort zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit.

Quelle: BSZ

 

Das Transnationale Aktionsbündnis (TAB) verfasste eine lesenswerte Analyse auf die Antwort der NRW-Landesregierung über die Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien, welche sie auf Anfrage eines FDP-Abgeordneten formulierte:


Antwort auf die Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien: Diskriminieren, verfolgen, vertreiben

Anfang dieses Monats beantwortete die NRW-Landesregierung die Anfrage eines FDP-Abgeordneten zur Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien in die Dortmunder Nordstadt – neutral formuliert. Tatsächlich sprechen bereits der Titel der Anfrage („Quartiersverfall und organisierte Kriminalität in der Dortmunder Nordstadt“) und die einleitenden Vorbemerkungen des Fragestellers, in denen die in der Kampagne gegen die Zuwanderung von Polizei, Politik und Presse entworfenen Schreckensszenarien ohne Weiteres übernommen werden, für sich.

Die Antwort auf die Anfrage besteht entsprechend weitgehend aus einem Katalog ordnungsbehördlicher und polizeilicher Repressionsmaßnahmen, welche die Landesregierung für „zielführend“ hält.

Zugegeben wird allerdings, dass es bereits mit der Behauptung der (organisierten) Kriminalität nicht weit her ist: Einerseits ist der Anteil der „Tatverdächtigen mit bulgarischer, rumänischer aber auch georgischer Staatsangehörigkeit“ in dem entsprechenden Dortmunder Polizeibezirk – besonders gemessen an dem öffentlichen Eindruck, der gern erweckt wird, wenn etwa der Dortmunder Polizeipräsident von der „Keimzelle einer neuen Dimension von Verbrechen“ spricht – mit 787 von 10.635 Tatverdächtigen für 2010 direkt erstaunlich unbedeutend. Und: „Strukturen Organisierter Kriminalität waren nicht erkennbar.“

Die Herkunft von Schuld und Unschuld
Dennoch hält die Landesregierung in ihrer Antwort fest: „Für Strukturermittlungen zu Taschendiebstählen bulgarischer Tatverdächtiger mit Wohnsitz in Dortmund wurde die ‚Ermittlungsgruppe Taschendiebstahl’ eingerichtet.“ Damit stellt sie nun endgültig klar, dass das Anliegen nicht „Kriminalitätsbekämpfung“ ist, sondern die Anwesenheit bzw. eine Kriminalisierung der überwiegend der Minderheit der Roma angehörenden Bulgar_innen.

In anderen Ländern wird dieses Vorgehen als racial profiling bezeichnet – die Schaffung einer Verdächtigengruppe auf der Grundlage von Hautfarbe, Sprache, Herkunft etc., die so unter Generalverdacht gestellt wird und gerade deshalb als potenziell kriminell erfasst wird, weil gegen sie ermittelt wird. Auch ist nicht die Frage, welche Stereotype sich durch die gesamte Dortmunder Repressionsdebatte ziehen. „Kriminalität, Prostitution, Menschenhandel und Müllberge: Damit werden die Bulgaren in Dortmund in Verbindung gebracht“, kommentiert beispielsweise ein Zeitungsartikel die Situation in der Dortmunder Nordstadt. „Einem offenen Antiziganismus steht dabei der bereits angesprochene ‚strukturelle Antiziganismus’ (eine diffuse Anprangerung von schleichender Kriminalität, Devianz und sozialem ‚Parasitentum’) gegenüber“, schreibt Roswitha Scholz in einem Zeitschriftenbeitrag, „bei dem eine ausdrückliche Benennung der ‚Zigeuner’ unterbleibt.“

„Der Begriff des ‚racial profiling’ ist aus den USA bekannt“, beantwortete die Bundesregierung im Mai 2008 eine Anfrage der Fraktion Die Linke. „In der Bundesrepublik Deutschland verbietet sich eine solche Vorgehensweise schon auf Grund des Grundgesetzes und des rechtsstaatlichen Systems.“ Während dort so problemlos Rechtsstaatlichkeit behauptet wird, ist in Dortmund allerdings anscheinend mittlerweile der Polizeiapparat überwiegend mit der Verfolgung von Armutsdelikten beschäftigt, die einer bestimmten Gruppe zugeschrieben werden. Verstärkt wurde diese „Kriminalitätsbekämpfung“ noch einmal nach der Schließung des Dortmunder Straßenstrichs Mitte Mai und der Ausweitung des Sperrbezirks auf das gesamte Stadtgebiet. „Mit Inkrafttreten der Sperrbezirksverordnung am 16.05.2011 hat das Polizeipräsidium Dortmund eine gesamtbehördliche Besondere Aufbauorganisation eingerichtet, welche die Verzahnung sämtlicher beteiligter Dienststellen des Polizeipräsidiums Dortmund sowie eine enge Kooperation mit der von der Stadt Dortmund eingerichteten ‚Task Force Nordstadt’ im Sinne einer breit angelegten Ordnungspartnerschaft gewährleistet“, heißt es in der Antwort der NRW-Landesregierung. Und außer der oben erwähnten „Ermittlungsgruppe Taschendiebstahl“ wurde in „Vorbereitung auf die Schließung des Straßenstrichs … darüber hinaus die ‚Ermittlungskommission Rotlicht’ eingerichtet“.

Repressionen gegen Sexarbeiterinnen
Insofern ist es dann allerdings überhaupt nicht mehr weit her mit der Behauptung der Landesregierung: „Prostitution ist eine erlaubte Tätigkeit, die insbesondere seit Inkrafttreten des Prostitutionsgesetzes im Jahr 2002 vom Recht respektiert wird.“

„Trotz des Prostitutionsgesetzes und obwohl die Bundesregierung 2007 Prostitution als Erwerbsarbeit anerkannt hat, wird Prostitution offen bekämpft. Prostituierte erfahren zunehmend Repressionen. … Eines der erschreckendsten Beispiele ist Dortmund“, stellte so auch das Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter in einer Erklärung zum Internationalen Hurentag fest, der an die Prostituierten in Lyon erinnert, die dort im Jahr 1975 eine Kirche besetzten.

Die Lage (nicht nur) der bulgarischen Sexarbeiterinnen wird in der Erklärung beschrieben:

“Eindeutig aber geht es um die Vertreibung unliebsamer EU-Mitbürgerinnen und Mitbürger. Man hat am schwächsten Glied der Kette angesetzt: Bulgarinnen, Frauen, Prostituierte – da konnten sich alle Beteiligten sicher sein, die Gruppe mit der geringsten Lobby gefunden zu haben. Die Prostituierten haben sich gewehrt. 60 von ihnen sind vor das Dortmunder Rathaus gezogen, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Die politisch Verantwortlichen haben nicht einmal mit ihnen geredet. Stattdessen werden sie seit dem 16. Mai von einem massiven Aufgebot an Ordnungskräften verfolgt. Die Bevölkerung wird öffentlich aufgefordert, sich an der Suche nach Prostituierten im Stadtgebiet zu beteiligen. Woran sie zu erkennen sein sollen, bleibt unklar. Es ist wie 1975 in Lyon. Die Frauen sind gezwungen, allein und ohne Schutz dunkle Ecken aufzusuchen, um ihren Lebensunterhalt zu erwerben.”

Entzug der EU-Freizügigkeit
Nun hat der EU-Beitritt Bulgariens und Rumäniens im Jahr 2007 bulgarischen und rumänischen Staatsangehörigen zwar ermöglicht, auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen hierher zu ziehen, der vollständige Zugang zum Arbeitsmarkt ist ihnen allerdings noch bis 2014 verwehrt. Die Einschränkung der Möglichkeiten – legal arbeiten können sie nur als Selbstständige – macht nun die Vertreibung umso problemloser.

So zielt der weitere ordnungsbehördliche Maßnahmenkatalog deutlich auf den Verlust der EU-Freizügigkeit – mit der es nun ebenfalls nicht weit her ist: Die Unerwünschten bleiben davon ausgeschlossen, wie schon die Abschiebung der Roma im letzten Jahr aus Frankreich oder die Debatte um die Wiedereinführung von Grenzkontrollen im Schengen-Raum gezeigt haben.

Bereits „125 Verfahren zur Feststellung des Verlusts der Freizügigkeit wegen fehlenden Krankenversicherungsschutzes bzw. fehlender Existenzmittel“ wurden in Dortmund eingeleitet.

 

 

Quelle: TAB

Im Rahmen der immer Dienstags stattfindenden Veranstaltungsreihe Ekamina wird morgen, am 21.06.2011 um 20h der bulgarische Dokumentarfilm “Hotel Paradies” im Sissikingkong gezeigt werden. Weitere Infos zum Film unter: http://www.taskovskifilms.com/film/paradise-hotel/

Möglich macht es eine gemeinsame Initiative von Bodo, Ekamina und dem Frauenfimlfestival.

Im Anschluss an die Vorführung diskutiert Festival-Kuratorin Betty Schiel mit
Marina Samra, Diplompädagogin (Beratungsstelle Westhoffstraße)
und Christian Schmitt (Julius Ewald Schmitt Immobilien)

Hier findet ihr unser Banner, welches ihr zum Verlinken auf euren Websites verwenden könnt:
WatchBlog zur Dortmunder Nordstadt: Kritische Dokumentation und Hintergrundberichte

Der Quellcode zum Einbinden:

<a href=”http://nordstadt.noblogs.org/”><img src=”http://nordstadt.noblogs.org/files/2011/06/nordstadt-banner.gif” alt=”WatchBlog zur Dortmunder Nordstadt: Kritische Dokumentation und Hintergrundberichte”></a>

Vor wenigen Tagen, am 29.05., fand das Münsterstraßen-Fest in der Dortmunder Nordstadt statt. Das Fest fand nun bereits zum 13. Mal statt und wird vom Integrationsrat organisiert. Mit mehr als 50 Ständen verschiedener Kulturvereine und interkultureller Organisationen soll hier mit folkloristischen Einlagen das “andere Gesicht der Nordstadt” (RN, 28.05.2011) präsentiert werden. Es dient als Auftakt der diesjährigen “Internationalen Woche” vom 28. Mai bis 5. Juni. “Ziele der Internationalen Woche sind die Verbindung der Nordstadt mit dem Thema Internationalität und Interkulturalität sowie der Aufruf für ein friedvolles und gemeinschaftliches Miteinander unterschiedlicher Nationalitäten und Kulturen in der Nordstadt”, so das Selbstverständnis der OrganisatorInnen. Zwischen Ethno-Kitsch-Tanzvorführungen und Würstchenbude soll der kulturellen Differenz das Wort geredet werden. Kulturelle Inklusion und sich eigenständig neu einwickelnde Formen unterschiedlicher sozio-kultureller Praktiken werden offenbar erst gar nicht mitgedacht, sind vielleicht sogar unerwünscht. Es scheint lediglich um die Kultur der Mehrheitsgesellschaft zu gehen, oder zumindest um solche, die sich aus dem Blickwinckel der Mehrheitsgesellschaft durchsetzen konnte. Repräsentiert werden „die“ türkische und „die“ deutsche Kultur. Unterschiede und Widersprüche innerhalb einer Kultur werden auf solchen Festen nicht thematisiert.

„Die Nordstadt ist einer der spannendsten Stadtteile der Metropole Ruhr. Deshalb lassen wir uns die Nordstadt nicht runterreden“ (RN, 29.05.2011), wird Oberbürgermeister Ullrich Sierau zum Straßenfest von den Ruhr Nachrichten zitiert. Als wenn er nicht als Stadtoberhaupt maßgeblich an den Repressionen gegen BewohnerInnen der Nordstadt beteiligt und als eigenständiger Akteur nicht Teil des eindimensionalen Diskurs wäre, stellt er sich hier als passiver und distanzierter Beobachter dar, dessen Lieblingsquartier herabgewürdigt wird. Dabei hatte Sierau schon die Hauptursachen der Konflikte in der Nordstadt definiert: Die neuen ZuwanderInnen aus BulgarInen und RumänInnen, die seit der EU-Osterweiterung 2007 nach Dortmund kommen und die Problemlagen “überformt” (RN, 24.02.2011), also überstrapaziert hätten. Seine bewährten Strategien führte er in dem Interview vom Ende Februar 2011 dann auch gleich aus: “Was die Problemgruppen angeht wollen wir festhalten an der Balance zwischen Repression und Betreuung.” Der Auftritt Sieraus auf dem Fest fällt damit wohl unter letzeres.

Hiermit wollen wir den Start des Nordstadt-Watchblogs bekannt geben. Dieser Blog soll zur kritischen Begleitung der Debatte um die Dortmunder Nordstadt dienen. Hier werden in regelmäßigen Abständen Presseartikel kritisch kommentiert und Analysen und Hintergrundberichte zur Situation in der Dortmunder Nordstadt dokumentiert.

Eigene Kommentierungen finden sich zumeist am Anfang der Artikel in kursiv gesetzt. Dokumentierte Artikel werden auf ihr Erscheinungsdatum rückdatiert in das Blog einsortiert, sodass sich über die Archivleiste die Veröffentlichungsreihenfolge abbildet.

 

Der Planderladen hängt Banner in der Mallinckrodtstraße, auf denen ein “radikaler Perspektivwechsel” in der Nordstadtdebatte gefordert wird. Wir dokumentieren die begleitende Veröffentlichung. (more…)

Artikel der Bochumer Stadt- und Studierendenzeitung, der eine Übersicht über die Situation in der Nordstadt verschafft.

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Stadt Dortmund will Straßenstrich schließen. Linke protestieren gemeinsam mit Huren. Ein Interviewgespräch mit Nancy Ann Ritschl in der jungen welt
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