Stadt Dortmund will Straßenstrich schließen. Linke protestieren gemeinsam mit Huren. Ein Interviewgespräch mit Nancy Ann Ritschl in der jungen welt

Interview: Mirko Knoche
Nancy Ann Ritschl ist Ratsherrin der Linksfraktion in Dortmund

Sie haben Ende letzter Woche gemeinsam mit Huren gegen die Schließung des Straßenstrichs in Dortmund demonstriert. Wann soll es soweit sein?

Der Beschluß soll am Donnerstag gefaßt werden. SPD und CDU haben schon klargestellt, daß sie den Strich in der Ravensberger Straße ohne Wenn und Aber weghaben wollen. Die Grünen, Die Linke und die FDP sind dagegen.

Wie begründen Union und Sozialdemokratie ihr Vorhaben?

Es gibt in Dortmund seit geraumer Zeit eine regelrechte Kampagne gegen Roma, die aus der Region um die bulgarische Stadt Plovdiv hierherkommen. Mittlerweile gehen viele Roma-Frauen auf dem Straßenstrich anschaffen. SPD und CDU behaupten, dadurch habe sich ein kriminelles Umfeld neu gebildet, das in der nahegelegenen Dortmunder Nordstadt zu Problemen führe. Die Polizei reagiert mit Razzien, Repressalien und erhöhter Präsenz.

Gibt es tatsächlich mehr Kriminalität?

Zumindest bis 2010 konnte ich in den offiziellen Daten keine wesentliche Veränderung feststellen. Die Argumentation lautet, daß sich ein kriminelles Netz über ganz Deutschland lege, das gehe von Dortmund aus. Wer aus Bulgarien stammt, bekommt noch immer nicht automatisch eine Arbeitserlaubnis, sondern kann nur per Gewerbeschein tätig werden. Für Frauen bedeutet das in der Regel Prostitution, während die Männer auf dem sogenannten Schwarzarbeiterstrich ihre Arbeitskraft anbieten.

Welche Nachteile hätte das Verbot des Straßenstrichs?

Auf der Ravensberger Straße können die Frauen bislang sicher arbeiten. Es gibt dort sogenannte Verrichtungsboxen. Die Freier fahren mit dem Auto hinein. Durch die Bauweise kann nur die Beifahrerseite geöffnet werden. Die Prostituierten können den Wagen schnell verlassen, während es den Freiern nicht möglich ist auszusteigen. Die Gewaltkriminalität konnte so um 90 Prozent gesenkt werden. Außerdem werden die Frauen dort vom Sozialdienst »Kober« betreut. Wenn die Prostitution aus der Ravensberger Straße verbannt würde, müßten die Huren in die Seitenstraßen ausweichen und wären wieder Gewalt ausgesetzt. Sie würden auch aus dem bisherigen Gewerbegebiet in Wohnbezirke ausweichen.

Dortmund will den Sperrbezirk auf die ganze Stadt ausweiten. Welche Folgen hätte das?

Ein Großteil der Prostitution würde in die Vororte verlagert. Wer in Dortmund bleibt, müßte illegal arbeiten. Sicherheit, Beratung und ärztliche Versorgung fielen dann weg. Vielen Frauen fehlt grundlegendes Wissen, etwa darüber, wie man ein Kondom benutzt. Ein Dortmund-weiter Sperrbezirk würde die Verhältnisse nur verschlechtern.

Wenn es Unsinn ist, die Prostitution in Dortmund zu kriminalisieren, warum bestehen Union und SPD dann darauf?

Das ist eine Kampagne gegen Roma-Frauen, die von den Medien mitgetragen wird und die darauf abzielt, neue Sündenböcke zu schaffen. Es wird immer weiter nach unten getreten. Da ist es einfach, sich die Roma herauszugreifen. Nicht mehr die Hartz-IV-Bezieher stehen am Ende der Stufenleiter oder der Alkoholiker oder Drogenkonsument, sondern die Roma. Sie können sich auch am wenigsten wehren. Deshalb müssen wir uns dazu bekennen, daß sie Hilfe brauchen. Dafür gibt es EU-Integrationsfonds, aber die Kommunen zapfen sie nicht an, weil sie die Probleme wegschieben wollen. Das funktioniert jedoch nicht. Mir wäre es auch lieber, wenn die Prostituierten in geregelten Arbeitsverhältnissen wären. Seit sie aber in den »Verrichtungsboxen« arbeiten, sind sie wenigstens kaum noch Opfer von Gewalt. Das dürfen wir nicht aufgeben.

Richtet sich die Kampagne in erster Linie gegen die Prostituierten oder gegen die Tatsache, daß es vor allem Roma sind?

Der Anlaß ist eindeutig die Nationalität. Denn bevor die Bulgarinnen kamen, sprach niemand von einem Problem. Aber jetzt soll »aufgeräumt« werden, jetzt kommt der »eiserne Besen«, wenn man es böse formuliert. Menschen werden vertrieben, wenn sie im Auto schlafen, Panik bricht aus, wenn Roma Restaurants übernehmen. In der Presse stehen Überschriften wie »Warmes Wetter lockt Roma nach Dortmund«.

Haben Sie in Dortmund nicht schon genug Probleme mit Rassismus?

Es ist in der Tat beängstigend, was hier vor sich geht.
Quelle: junge Welt